Shoowa

Die Shoowa, ein kleines Volk im Kuba-Königreich, besticken Raphiagewebe mit dichtem Flor. Kein Tuch gleicht dem anderen. Ihre Shoowa-Tücher kennt man auch als «Kasai-Samt» oder «Kuba cloth».

Ausschnitt eines Shoowa-Tuchs mit ineinandergreifenden Winkeln in Ocker, Beige und Schwarz

Abb. 1 Shoowa-Tuch, Ausschnitt

Stickerei

Frauen der Shoowa

Weberei

Männer der Shoowa

Herkunft

Shoowa, Kuba-Königreich, Kasai-Region

Material

Raphia-Palmfaser

Technik

Florstickerei, ohne Knoten1

Grösse

meist 50 bis 80 cm Seitenlänge1, 2

Arbeitszeit

mehrere Monate bis über ein Jahr3, 4, 5

Die Shoowa

Ein kleines Volk am Rand des Kuba-Königreichs.

Die Shoowa leben im Nordwesten des Kuba-Königreichs, am Südufer des Sankuru nahe der Mündung in den Kasai.3, 5 Sie kamen um 1650 als letzte Gruppe dazu und sind bis heute an ihrer Sprache zu erkennen.6

Sie stammen von den Songo-Meno ab, einem Mongo-Volk von jenseits des Sankuru.6 Lange lebten sie abgeschieden im Wald und bewahrten so alte Techniken länger als andere. Heute zählt man rund dreissig Dörfer. Nur eines davon ist für Skulptur bekannt; das wichtigste Handwerk ist die Stickerei.7 Daneben leben die Shoowa von Maniok, von der Jagd und vom Fisch aus dem Sankuru.8

Sie nennen sich selbst Bashoobwa; am Hof hiessen sie Bashoobo.9 Von allen Gruppen des Königreichs sind sie am wenigsten erforscht.7 Ihre Tücher dagegen kennt die Welt: Anfang des 19. Jahrhunderts übernahm der Königshof der Bushoong den Flor der Shoowa für die eigene Garderobe.5

Umriss Afrikas, die DR Kongo hervorgehoben, ein rotes Rechteck markiert den Kartenausschnitt im Süden des Landes

Lage des Ausschnitts

Karte: Das Kuba-Königreich zwischen Kasai, Sankuru und Lulua im Süden der DR Kongo, mit dem Gebiet der Shoowa am Südufer des Sankuru östlich von Ilebo und dem Königssitz Mushenge
Karte: Das Kuba-Königreich zwischen Kasai, Sankuru und Lulua im Süden der DR Kongo, mit dem Gebiet der Shoowa am Südufer des Sankuru östlich von Ilebo und dem Königssitz Mushenge

Abb. 6 Das Kuba-Königreich zwischen Kasai, Sankuru und Lulua, mit dem Gebiet der Shoowa. Eigene Darstellung, Kartendaten: Natural Earth, GeoNames.5

Sprache

Sie sprechen Loshoobo, auch Shuwa, Shobwa oder Shoba genannt.10 Wie es einzuordnen ist, darüber sind sich die Quellen nicht einig. Eine eigene Beschreibung der Sprache gibt es bis heute nicht.

Eine Form des Bushoong

So führen es die Sprachverzeichnisse: als Variante der Sprache des Königshofs.10

Nah am Ndengese

Ein Vergleich des Wortschatzes ordnet es dem Ndengese zu, das nördlich des Sankuru gesprochen wird, nicht dem Bushoong. Von dort kamen die Shoowa.11

Vom Mongo geprägt

In der Ethnografie gilt es als eigene Sprache, die bis heute die Prägung des Mongo trägt, aus dem die Shoowa stammen.12

Das Königreich

Ein Königreich der Muster.

Das Kuba-Königreich ist ein Bund von rund achtzehn Völkern. Dort trägt fast alles geometrische Muster: Becher und Dosen, Trommeln und Masken, Gürtel, Wandmatten und Tücher.

Dieselben Muster finden sich geschnitzt, in Perlen gesetzt, geflochten und gestickt.3, 5, 13

Geschnitzter Holzbecher mit Henkel, ganz bedeckt von ineinandergreifenden Winkelbändern und einem feinen Raster aus kleinen Rauten

Abb. 2 Becher, Holz

Winkelbänder aus parallelen Graten greifen ineinander, als wäre das Holz geflochten. Die Lücken füllt ein feines Raster aus winzigen Rauten.

Halbmondförmige Holzdose mit angehobenem Deckel; auf dem Deckel ein geschnitztes Gesicht zwischen Flechtband und kleinen Pyramiden, auf der Wand Zickzackbänder und Rauten

Abb. 3 Deckeldose für Tukula, Holz

Auf dem Deckel ein Gesicht, gerahmt von Flechtband und Reihen kleiner Pyramiden. Um die Wand läuft ein Zickzack aus parallelen Linien, dazwischen ineinandergesetzte Rauten.

Vier Gürtel aus Glasperlen und Kaurischnecken mit Schachbrett-, Zickzack- und Winkelmustern und einem Knoten in der Mitte

Abb. 4 Gürtel, Glasperlen und Kaurischnecken

Schachbrett, Zickzack und Winkel, Perle für Perle gesetzt und von Kaurischnecken gerahmt. In der Mitte sitzt jeweils ein geflochtener Knoten.

Maske, dicht besetzt mit Kaurischnecken und blau-weissen Glasperlen in Dreieck- und Zickzackmustern

Abb. 5 Maske, Glasperlen und Kaurischnecken

Auch das Gesicht wird zum Muster: Dreiecke und Zickzackbänder aus blauen und weissen Perlen, eingefasst von Reihen aus Kaurischnecken.

Entstehung

Die Kuba sind kein einzelnes Volk. Anfang des 17. Jahrhunderts entstand zwischen den Flüssen Kasai, Sankuru und Lulua das Kuba-Königreich. Nach und nach vereinten die Bushoong die übrigen Völker, darunter die Ngeende, Pyaang, Bieeng, Bulaang, Ngongo, Kel, Ngoombe, Kete und die Shoowa. Ihren Ursprung führen die Kuba auf Woot zurück, den ersten Menschen.1, 5, 14 Das Königreich hatte eine ungeschriebene Verfassung, getrennte Gewalten und Gerichte mit Geschworenen.15

Das Königtum mit Sitz in Mushenge besteht bis heute.14

Muster

Europäische Stoffe wiederholen ein Muster. Shoowa-Stickerinnen durchbrechen es.

Mitten im Tuch geben die Stickerinnen einem Muster eine neue Richtung, Grösse oder Farbe.2, 16 Wer nur einen Ausschnitt sieht, kennt das Tuch noch nicht.17 Fachleute haben das mit Jazz verglichen: Ein Thema kehrt wieder, aber nie ganz gleich.16

Die Kuba kennen ihre Muster beim Namen, rund zweihundert sind überliefert.1 Manche sind nach einem König benannt oder nach der Person, die sie erfunden hat, andere nach Rauch oder nach dem schuppigen Rücken des Krokodils.17 Das Winkelmuster «mikomingom» etwa geht auf die Trommel von König Miko mi-Mbul zurück.13 Dazu passt, dass Text und Textil vom selben lateinischen Wort abstammen: texere, weben.

Mathematiker haben die Muster untersucht. Es gibt genau siebzehn Arten, ein Muster regelmässig über eine Fläche zu wiederholen, und die Kuba nutzen mindestens zwölf davon.18

Oft stehen die Muster schräg, um 45 Grad zur Kante gedreht. Und wenn Vorder- und Hintergrund die Rollen tauschen, wird aus demselben Raster ein neues Muster mit eigenem Namen.18

Zwölf Muster und ihre Namen

Die Namen hat Joseph Cornet am Königshof der Bushoong aufgezeichnet. Wer die Tücher genauer ansieht, findet diese Muster darin wieder, mal ganz, mal nur als Ausschnitt.

Muster iyul, vereinfacht nachgezeichnet: Schildkröte. Ineinanderliegende Sechsecke.

iyul

Schildkröte. Ineinanderliegende Sechsecke.

Muster imbol, vereinfacht nachgezeichnet: Ein Band, das sich schliesst. Eines der häufigsten Muster.

imbol

Ein Band, das sich schliesst. Eines der häufigsten Muster.

Muster woot, vereinfacht nachgezeichnet: Nach Woot, dem Kulturheros. Doppelkreuz.

woot

Nach Woot, dem Kulturheros. Doppelkreuz.

Muster mbul bwiin, vereinfacht nachgezeichnet: Raute mit einem «Kind» in der Mitte. Von einer Frau erfunden.

mbul bwiin

Raute mit einem «Kind» in der Mitte. Von einer Frau erfunden.

Muster lakiik, vereinfacht nachgezeichnet: Augenbrauen.

lakiik

Augenbrauen.

Muster lakwoon, vereinfacht nachgezeichnet: Haken oder Hacke. Ineinandergesetzte Dreiecke.

lakwoon

Haken oder Hacke. Ineinandergesetzte Dreiecke.

Muster nnaam, vereinfacht nachgezeichnet: Waldlianen. Bei den Shoowa heisst die Liane matshuk.

nnaam

Waldlianen. Bei den Shoowa heisst die Liane matshuk.

Muster mweeny, vereinfacht nachgezeichnet: Gegenläufige Winkel, dazwischen eine Reihe kleiner Rauten.

mweeny

Gegenläufige Winkel, dazwischen eine Reihe kleiner Rauten.

Muster mikomingom, vereinfacht nachgezeichnet: Trommel des Königs Miko mi-Mbul. Das Lieblingsmuster der Kuba.

mikomingom

Trommel des Königs Miko mi-Mbul. Das Lieblingsmuster der Kuba.

Muster ingal, vereinfacht nachgezeichnet: Ein Hahn, der sein Gefieder sträubt. Ein Haken legt sich um einen kleinen Kern.

ingal

Ein Hahn, der sein Gefieder sträubt. Ein Haken legt sich um einen kleinen Kern.

Muster ikwoontsh, vereinfacht nachgezeichnet: Ineinandergreifende Haken, schräg.

ikwoontsh

Ineinandergreifende Haken, schräg.

Muster mwaan mwikaangl, vereinfacht nachgezeichnet: Rautennetz, in jeder Raute eine kleine.

mwaan mwikaangl

Rautennetz, in jeder Raute eine kleine.

Namen und Bedeutungen nach Joseph Cornet, «Art royal kuba» (1982), und Georges Meurant, «Shoowa Abstraktionen» (1988) und «Traumzeichen» (1989). Vereinfacht nachgezeichnet.

Drei Brüche im Muster

Shoowa-Tuch aus zwölf gestickten Feldern; rote Marken am Rand zeigen, wo die Felder aneinanderstossen und das Muster versetzt weiterläuft

Abb. 7 Felder. Gestickt wird Feld für Feld.2 Wo zwei Felder aneinanderstossen, läuft das Muster versetzt weiter.

Shoowa-Tuch, dessen Flor links ockerfarben und rechts hell ist; rote Marken zeigen die Grenze

Abb. 8 Farbe. Mitten im Tuch wechselt der Flor von Ocker zu Hell, das Muster läuft weiter.

Shoowa-Tuch mit Rautenraster; in den Rauten stehen mal vier kleine Quadrate, mal ein Schachbrett aus vier Feldern

Abb. 9 Variante. Mal vier kleine Quadrate, mal ein Schachbrett, im selben Tuch.

Die Stickerinnen

Die Muster tragen die Handschrift der Frauen.

Die ältesten Kunstwerke der Kuba sind figürlich und von Männern geschnitzt. Die geometrischen Muster sieht Georges Meurant in der Stickerei der Frauen entstehen; andere leiten viele davon aus Flechtwerk und Weberei ab. Sicher ist: Manche Muster tragen den Namen der Frau, die sie erfunden hat, etwa «mbul bwiin» nach Mbulapey.19

Im ganzen Königreich galt die Stickerei der Shoowa als die beste.20 In ihren Dörfern ist sie das Handwerk der Frauen; ein anderes üben sie kaum aus. Traditionell stickten schwangere Frauen, und wer begabt war, konnte sich ganz darauf verlegen.21

Die Namen der Stickerinnen sind meist nicht überliefert. Geblieben sind ihre Tücher: Kein Tuch gleicht dem anderen, weil jede Frau das Muster auf ihre Weise weiterdenkt.

Stufe 1: Nur die Umrisslinien des Musters sind gestickt, die Felder sind noch leer
Stufe 2: Einzelne Felder sind mit Flor gefüllt, andere noch leer
Stufe 3: Alle Felder sind gefüllt, das Muster greift von Feld zu Feld

1 Zuerst die Linie, Stielstich

2 Dann der Flor, Feld für Feld

3 Das Feld greift ins nächste

Abb. 13 Wie ein Muster entsteht, vereinfacht gezeichnet nach unvollendeten Tüchern.22

Aus dem Kopf

Die Stickerin sitzt, das Tuch auf den Knien, und arbeitet von links nach rechts und von oben nach unten. Zuerst stickt sie die Linien, dann füllt sie die Felder mit Flor. Unvollendete Tücher zeigen diese Reihenfolge.22

Weitergegeben

Das Muster geht von der alten Frau ans Mädchen. Rund hundert dieser Namen sind heute aufgezeichnet.23

Geträumt, also echt

Eine Neuerung, die eine Stickerin vor der Ausführung geträumt hat, gilt als echt. Das erkennt sogar der König an.24

Für die Toten

Die meisten Tücher wurden nie getragen. Sie waren Gaben an Verstorbene, oft mit Königsmustern, die der Tote im Leben nicht hätte tragen dürfen.25

Tücher

Sechzehn Tücher, sechzehn Weisen, ein Muster zu denken.

Die Ausschnitte zeigen die Bandbreite der Muster. 

Tafel 1: Ausschnitt mit Sechsecken in Ocker und Schwarz, in jedem eine dunkle Raute

Tafel 1Sechsecke

Tafel 2: Ausschnitt mit braunen Sanduhr-Dreiecken in einem hellen Rautengitter

Tafel 2Sanduhren

Tafel 3: Ausschnitt mit Flechtwerk aus parallelen Bändern

Tafel 3Flechtwerk

Tafel 4: Ausschnitt mit ineinandergesetzten Dreiecken in Orange und Schwarz

Tafel 4Verschachtelte Dreiecke

Tafel 5: Ausschnitt mit Ketten aus verschachtelten Rauten in Braun und Schwarz

Tafel 5Rautenketten

Tafel 6: Ausschnitt mit Bändern aus hellen und dunklen Dreiecken

Tafel 6Dreieckbänder

Tafel 7: Ausschnitt mit diagonalen Reihen aus hellen Haken, dazwischen dunkle Balken

Tafel 7Haken

Tafel 8: Ausschnitt mit langen dunklen Rauten, darin helle Punkte

Tafel 8Rauten mit Punkten

Tafel 9: Ausschnitt mit hellen Spiralhaken auf rotem Grund

Tafel 9Spiralhaken

Tafel 10: Ausschnitt mit gerahmten Feldern, in jedem vier dunkle Punkte

Tafel 10Fenster

Tafel 11: Ausschnitt mit einem feinen Labyrinth aus braunen Linien

Tafel 11Labyrinth

Tafel 12: Ausschnitt mit schwarzen Rauten zwischen goldenen Zickzackbändern

Tafel 12Stufenkreuze

Tafel 13: Ausschnitt mit dunklen Herzformen zwischen feinen Linien

Tafel 13Herzformen

Tafel 14: Ausschnitt mit verstreuten schwarzen Blöcken auf braunem Grund

Tafel 14Blöcke

Tafel 15: Ausschnitt mit Rauten, gefüllt mit Schachbrett- und Dreieckmustern

Tafel 15Schachbrett-Rauten

Tafel 16: Ausschnitt mit Zickzackbändern und dunklen Dreiecken

Tafel 16Dreiecke im Zickzack

Ein originales Kunstwerk für die Wand. Oder ein Geschenk, das sonst niemand hat.

Handwerk

Männer weben das Tuch aus Palmfaser. Frauen besticken es.

Die Stickerinnen tragen die Muster im Kopf und arbeiten meist ohne Vorlage und ohne Vorzeichnung.2, 3 Manche zeichnen das Muster aber zuerst mit einem Stift oder mit feinen Stichen vor.1

Ein junger Weber sitzt am schrägen Webstuhl, vor ihm ein ungemustertes Raphiatuch mit langen Fransen

Abb. 14 Weber der Kuba am Webstuhl, darauf ein ungemustertes Tuch. Foto: Casimir Zagourski, «Bakuba. Fabrication de rafia», zwischen 1924 und 1935.

Eine Frau hält ein besticktes Raphiatuch mit ineinandergreifenden Mustern

Abb. 15 Stickerin der Kuba mit einem bestickten Tuch. Foto: Casimir Zagourski, «Bakuba. Une brodeuse», zwischen 1924 und 1935.

Vom Faden zum Tuch

mnyu

der Faden

Aus den jungen Fiederblättern der Raphiapalme gezogen und fein ausgefasert.26

mbal

das gewebte Tuch

Männer weben es an einem Nachmittag, so gross, wie die Faser lang ist. Ungemustert war es lange Geld.26

bwiin

das Muster

Frauen sticken es über Monate, zuerst die Linien, dann den Flor.22, 27

buiin

das Florstück der Shoowa

In der Mehrzahl «winu». Die meisten werden nie getragen, sie gehen mit den Toten.25, 27

Querschnitt durch ein Shoowa-Tuch: Ein Florfaden läuft unter einem Faden des Grundgewebes hindurch, beide Enden ragen wenige Millimeter über die Oberfläche und sind abgeschnitten.
Querschnitt durch ein Shoowa-Tuch: Ein Florfaden läuft unter einem Faden des Grundgewebes hindurch, beide Enden ragen wenige Millimeter über die Oberfläche und sind abgeschnitten.

Abb. 10 Querschnitt durch die Florstickerei, nicht massstäblich. Der Florfaden läuft unter einem Faden des Grundgewebes durch, beide Enden werden wenige Millimeter über der Fläche abgeschnitten. Halt gibt ihm allein die Dichte des Gewebes.2

Nahaufnahme: flauschiger, geschnittener Flor in Ocker und Schwarz, dazwischen feine helle Stichlinien

Abb. 11 Der Flor, vergrössert. Dazwischen feine Linien im Stielstich.

Faser und Gewebe

Aus den jungen Fiederblättern der Raphiapalme werden Fasern gezogen, gespalten und weichgerieben.2, 26 Männer weben sie am schrägen Webstuhl. Für Röcke wird das Tuch danach geklopft, bis es geschmeidig ist. Die Shoowa besticken es ungeklopft.2, 26

Farbe

Gefärbt werden Grundgewebe und Stickfäden, meist vor dem Sticken: Rot mit Tukula, dem Pulver aus Rotholz,3 Gelb aus den Wurzeln von Morinda-Bäumen, Schwarz aus Holzkohle oder aus Rinde, Früchten und Blättern, die in eisenhaltigem Schlamm nachdunkeln.2, 13 Violett stammt oft aus Büromaterial: aus Tinte, Kugelschreiberminen, zerstossenem Kohlepapier1 und, wie berichtet wird, aus Farbbändern von Schreibmaschinen.

Fremde und eigene Namen

Wegen ihres samtigen Flors hiessen die Tücher in Belgien schon 1897 «velours du Kasaï», also Kasai-Samt. Samt sind sie trotzdem nicht: Samt wird gewoben, hier ist der Flor gestickt. Auch «Kuba» ist ein Fremdname aus der Sprache der Luba: «kuba» heisst dort Blitz. Von der Karibikinsel trennen die Kuba gut 11 000 Kilometer und ein Buchstabe: Auf Englisch und Französisch heisst die Insel Cuba. Die Bushoong selbst nennen sich nach dem Wurfmesser, dem «shongo».5, 27 Im Englischen heissen die Tücher heute meist «Kuba cloth».

Geschichte

Gewoben war es Geld. Bestickt war es Reichtum.

Bei den Kuba war das schlichte Raphiatuch lange Geld. Ein Quadrat, das «mbal», diente als Wertmass, zehn davon bildeten eine grössere Einheit. Damit zahlten die Männer ihren Tribut, ein Tuch im Jahr. Im 19. Jahrhundert traten Kaurischnecken an seine Stelle. Ein anderer Name der Bushoong lautet Bambal, «Leute des Tuchs».26

Bestickte Tücher waren kein Geld, sondern Reichtum. Man kaufte sie mit Kauris, gab sie als Mitgift und vor allem den Toten mit.25, 26

17. Jh.

Shyaam a-Mbul a-Ngoong gründet die Kuba-Dynastie und nennt sich nach der Palme, «shyaam».17

1892

Der Missionar William H. Sheppard erreicht als erster Besucher aus dem Westen den Königssitz Mushenge.28

1907–09

Emil Torday sammelt für das British Museum. 1910 beschreibt er die Kuba-Tücher als Erster ausführlich.27

1943/44

Henri Cartier-Bresson fotografiert Matisse vor dessen Kuba-Tüchern.29

2026

Die DR Kongo stellt die Muster und Stoffe der Kuba als nationales Kulturerbe unter Schutz.30

heute

Das Königtum besteht fort, und in der Kasai-Region wird weiter gestickt.14, 31

Langer Wickelrock der Kuba aus Raphia mit schwarz-weissem Stufenmuster und Bommeln am Rand
Langer Wickelrock der Kuba aus Raphia mit schwarz-weissem Stufenmuster und Bommeln am Rand

Abb. 12 Wickelrock der Kuba, Raphia. Solche Röcke werden aus vielen Stücken zusammengenäht und bei Zeremonien getragen, vor allem bei Begräbnissen. Man gibt sie auch den Verstorbenen mit.1, 3

Matisse

«Ich kann mich an ihnen nicht sattsehen.»

«Selbst an den schlichtesten. Ich betrachte sie lange und warte darauf, dass mir ihre rätselhafte, instinktive Geometrie etwas verrät.»

Henri Matisse über seine Kuba-Tücher (übersetzt). In seinem letzten Lebensjahrzehnt hängte er sie im Atelier neben seine Scherenschnitte.29

Gut zu wissen

Was ein Shoowa-Tuch ausmacht.

Alt oder neu?

Shoowa-Tücher werden bis heute gefertigt. Verkauft wurden sie schon früh, erst in der Region, später auch ins Ausland.5, 31 Ältere Stücke zeigen meist erdige Pflanzenfarben, grelle Töne deuten auf neuere.5 Beides hat seinen Wert, wichtig ist, dass klar gesagt wird, was man vor sich hat.

Als Geschenk

Ein Shoowa-Tuch ist leicht, lässt sich gut verschicken und ist garantiert ein Einzelstück. Kleinere Tücher gibt es ab CHF 100.

Was den Wert macht

Ein dichter, gleichmässiger Flor, präzise Linien, eine eigenständige Komposition und ein guter Zustand. Das Alter zählt, aber nicht allein.

Aufhängen

Am besten auf einem stoffbezogenen Keilrahmen oder im Rahmen mit Abstand zum Glas, damit der Flor nicht gedrückt wird. An der Wand wird ein Shoowa-Tuch schnell zum Gesprächsthema.

Pflege

Nicht selbst waschen: Reinigen und Ausbessern verlangen die Methoden der Textilrestaurierung und gehören deshalb in die Hände von Fachleuten.1 Vor direktem Licht, Feuchtigkeit und Insekten schützen, flach und in säurefreiem Papier lagern.

Kaufen

Diese Tücher muss man gesehen haben.

Fotos zeigen das Muster. Wie der Flor unter der Hand nachgibt, merkt man erst, wenn man ein Tuch vor sich hat. Wer ein Shoowa-Tuch einmal in natura gesehen hat, vergisst es nicht.

Nahaufnahme eines Shoowa-Tuchs: konzentrische Rauten und eckige Spiralen in Ocker und Schwarz, der Flor gut sichtbar

Glossar

Die wichtigsten Begriffe zu Shoowa und Kuba-Textilien.

Bushoong

Führende Gruppe des Kuba-Königreichs. Aus ihr kommt der König, der nyimi.

Flor

Die dicht stehenden, abgeschnittenen Fadenenden, die einem Shoowa-Tuch seine samtige Oberfläche geben.

Florstickerei

Die Technik der Shoowa-Tücher: Ein Raphiafaden wird ohne Knoten unter einem Faden des Grundgewebes durchgezogen, beide Enden werden kurz über der Fläche abgeschnitten. Anders als bei Samt entsteht der Flor nicht beim Weben, sondern mit der Nadel. Für ein Tuch braucht eine Stickerin Monate.

Kasai

Fluss im Süden der DR Kongo und die Region um ihn. Zwischen Kasai, Sankuru und Lulua liegt das Kuba-Königreich.

Kasai-Samt

Deutsch für «velours du Kasaï», wie die Tücher in Belgien schon 1897 hiessen: nach der Kasai-Region und dem samtigen Aussehen. Echter Samt ist gewoben, hier ist der Flor gestickt.

Kuba

Bund von rund achtzehn Völkern in der Kasai-Region, geführt von den Bushoong. Der Name stammt aus der Sprache der Luba, «kuba» heisst dort Blitz. Ältere Bücher schreiben «Bakuba»: «Ba-» bildet in vielen Bantusprachen die Mehrzahl für Menschen, die Silbe im Volksnamen mitzuschreiben gilt heute als überholt.

Kuba cloth

Internationale Bezeichnung für die Raphiatextilien der Kuba, ob bestickt, appliziert oder gewebt.

Mushenge

Königssitz der Kuba. Das Königtum besteht bis heute.

Raphia

Faser aus den jungen Fiederblättern der Raphiapalme, auch Raffia geschrieben. Aus ihr sind Grundgewebe und Stickfäden eines Shoowa-Tuchs.

Shoowa

Volk im Nordwesten des Kuba-Königreichs, am Südufer des Sankuru. Ihr eigener Name lautet Shoowa oder Bashoobwa. Im Kunsthandel steht er auch für die Tücher mit Florstickerei, für die ihre Stickerinnen bekannt sind.

Tukula

Rotes Pulver aus Rotholz. Die Kuba färben damit Tücher und Fäden und nutzen es als Kosmetik. Aufbewahrt wird es in geschnitzten Dosen.

Woot

Im Ursprungsmythos der erste Mensch und Stammvater der Kuba, von dem ihre Könige abstammen. In der Literatur heissen die Kuba nach ihm auch «Kinder des Woot».

Anmerkungen und Literatur

Anmerkungen

  1. Svenson 1986
  2. Adams 1978
  3. Blechman 1988
  4. University of Michigan Museum of Art, Inv. 1984/2.80; Lam Museum of Anthropology 2025
  5. Meurant 1988, S. 121–123, 135–137, Karte 3 und Glossar
  6. Meurant 1988, S. 121–123; Meurant, Tunis 1989, S. 13
  7. Meurant 1988, S. 123 und 153; Meurant, Tunis 1989, S. 13; Cornet 1982, S. 16 (25 Dörfer nach der Volkszählung von 1978)
  8. Watanabe 1992, S. 279
  9. Meurant 1988, S. 123; Cornet 1982, S. 15
  10. Hammarström 2019, S. 31 (C83D «Shuwa, Shobwa, Shoba, Loshoobo», nach Maho 2009); Edmiston 1932, S. 2
  11. Bastin, Coupez, Mann 1999, S. 16 (Wortliste Shuwa, aufgenommen von Jan Vansina), S. 127 und 206; Watanabe 1992, S. 277–280 und 298–299
  12. Cornet 1982, S. 16; Meurant 1988, S. 121 und 123; Vansina 1978, S. 4
  13. Palmer Museum of Art, Kat. 38, 39, 42 und 43; Cornet 1982, S. 171
  14. Vansina 1960; Vansina 1978, S. 4 und 30; Vansina 2007; Encyclopaedia Britannica; Metropolitan Museum of Art 2003
  15. Lowes u. a. 2017
  16. Michael C. Carlos Museum, Inv. 1994.004.520
  17. Metropolitan Museum of Art, Inv. 1999.522.15; Moraga 2011, S. 17; Vansina 1978, S. 60; Tervala, Polk, Gould 2018, S. 82 f.
  18. Crowe 1971; Crowe, Washburn 2005
  19. Meurant 1988, S. 112–120 und 129; Cornet 1982, S. 162 und 166; Moraga 2011, S. 19
  20. Meurant, Tunis 1989, S. 17
  21. Meurant 1988, S. 123; Meurant, Tunis 1989, S. 16
  22. Meurant 1988, S. 133
  23. Meurant 1988, S. 129 und 131
  24. Meurant 1988, S. 131
  25. Meurant, Tunis 1989, S. 133; Meurant 1988, S. 137; Darish 1989, S. 134 f.
  26. Rustiami, Brink 2003; Jiofack Tafokou 2011; Meurant, Tunis 1989, S. 10; Darish 1989, S. 121, 127 f., 137 und Anm. 6; Vansina 1978, S. 172, 186, 191, 194; Moraga 2011, S. 57 f.
  27. Textile Research Centre Leiden; Torday 1913; Mack 1990; Torday, Joyce 1910; Vansina 2007; Meurant, Tunis 1989, S. 9 und 13; Moraga 2011, S. 11 und 75; Vansina 1978, S. 377
  28. Hampton University Museum; Hochschild 1998; Bouttiaux 2025, S. 16
  29. Spurling 2004, S. 32; Mack 2012; Metropolitan Museum of Art 2005
  30. Regierung der DR Kongo 2026, S. 12
  31. Smithsonian National Museum of African Art, Inv. 88-6-4; MARKK Hamburg 2025

Literatur

Alle Werke, die in den Anmerkungen genannt sind.

Adams, Monni (1978): Kuba Embroidered Cloth. In: African Arts 12 (1), S. 24–39, 106–107.

Bastin, Yvonne; André Coupez; Michael Mann (1999): Continuity and Divergence in the Bantu Languages. Tervuren. Dazu die Wortliste Shuwa.

Blechman, Margaret (1988): Discover Shoowa Design. Washington: National Museum of African Art.

Bouttiaux, Anne-Marie (2025). In: Jo De Buck (Hg.): Treasures of the Kuba Kingdom.

Cornet, Joseph (1982): Art royal kuba. Mailand: Edizioni Sipiel.

Crowe, Donald W. (1971): The Geometry of African Art I. Bakuba Art.

Crowe, Donald W.; Dorothy K. Washburn (2005). In: Bridges 2005.

Darish, Patricia (1989): Dressing for the Next Life. Raffia Textile Production and Use among the Kuba of Zaire. In: Annette B. Weiner, Jane Schneider (Hg.): Cloth and Human Experience. Washington: Smithsonian Institution Press, S. 117–140.

Edmiston, Althea Brown (1932): Grammar and Dictionary of the Bushonga or Bukuba Language. Luebo.

Encyclopaedia Britannica: Kuba.

Hammarström, Harald (2019): An inventory of Bantu languages. In: Mark Van de Velde u. a. (Hg.): The Bantu Languages. 2. Aufl. London: Routledge, S. 17–78.

Hampton University Museum: William H. Sheppard Collection.

Hochschild, Adam (1998): King Leopold’s Ghost.

Jiofack Tafokou, R. B. (2011): Raphia vinifera. PROTA.

Lam Museum of Anthropology (2025): Shoowa Prestige Cloth.

Lowes, Sara u. a. (2017): The Evolution of Culture and Institutions. In: Econometrica 85.

Mack, John (1990): Emil Torday and the Art of the Congo 1900–1909.

Mack, John (2012). In: Journal of Art Historiography 7.

MARKK Hamburg (2025): Bakuba Kunst. Geometrie des Lebens. Pressetext.

Metropolitan Museum of Art (2003): Kingdoms of the Savanna. The Kuba Kingdom.

Metropolitan Museum of Art (2005): Matisse. The Fabric of Dreams. Pressemitteilung.

Metropolitan Museum of Art: Double Prestige Panel, Inv. 1999.522.15.

Meurant, Georges (1988): Shoowa Abstraktionen. Textilkunst aus dem afrikanischen Königreich Kuba. Stuttgart: Edition Hansjörg Mayer.

Meurant, Georges; Angelika Tunis (1989): Traumzeichen. Raphiagewebe des Königreichs Bakuba. Hrsg. Haus der Kulturen der Welt. München: Fred Jahn.

Michael C. Carlos Museum, Emory University: Textile, Inv. 1994.004.520.

Moraga, Vanessa Drake (2011): Weaving Abstraction. Kuba Textiles and the Woven Art of Central Africa. Washington, DC: The Textile Museum.

Palmer Museum of Art: African Brilliance, Kat. 38, 39, 42 und 43.

Regierung der DR Kongo (2026): Compte rendu de la soixante-seizième réunion ordinaire du Conseil des Ministres, 30.1.2026.

Rustiami, H.; M. Brink (2003): Raphia. In: Plant Resources of South-East Asia 17.

Smithsonian National Museum of African Art: Design cloth, Inv. 88-6-4.

Spurling, Hilary (2004). In: Matisse, His Art and His Textiles. London.

Svenson, Ann E. (1986): Kuba Textiles. An Introduction. In: WAAC Newsletter 8.

Tervala, Kevin; Matthew S. Polk Jr.; Amy L. Gould (2018): Kuba. Fabric of an Empire. In: Tribal Art 90 (Winter 2018), S. 74–87.

Textile Research Centre Leiden: Kuba or Kasai «velvet».

Torday, Emil (1913). In: The Museum Journal 4.

Torday, Emil; T. A. Joyce (1910): Notes ethnographiques sur les peuples communément appelés Bakuba … Les Bushongo. Brüssel.

University of Michigan Museum of Art: Raffia Textile Panel, Inv. 1984/2.80.

Vansina, Jan (1960): Recording the Oral History of the Bakuba II. In: Journal of African History.

Vansina, Jan (1978): The Children of Woot. A History of the Kuba Peoples. Madison: University of Wisconsin Press.

Vansina, Jan (2007): La survie du royaume kuba à l’époque coloniale et les arts. In: Annales Aequatoria 28.

Watanabe, Kozo (1992): La royauté et la chefferie. Un essai de comparaison au sein d’un royaume (Kuba, Zaïre). In: Senri Ethnological Studies 31, S. 275–301.

Zum Weiterlesen

Georges Meurant

Shoowa Abstraktionen

Stuttgart: Edition Hansjörg Mayer, 1988

Ein ganzes Buch über die Shoowa-Tücher. Meurant ist Maler; er hat rund 7000 Stickereien gesehen und betrachtet sie als Muster.

Joseph Cornet

Art royal kuba

Mailand: Edizioni Sipiel, 1982

Die Kunst des Königshofs der Kuba, mit den Namen und Bedeutungen der Muster. Auf Französisch.

Vanessa Drake Moraga

Weaving Abstraction

Washington, DC: The Textile Museum, 2011

Katalog zu den Textilien der Kuba und zur Webkunst Zentralafrikas. Auf Englisch.

Kevin Tervala u. a.

Kuba: Fabric of an Empire

In: Tribal Art 90, Winter 2018

Mit der Radiokarbonmethode datiert: wie sich die Muster der Kuba vom 18. Jahrhundert bis in die 1970er wandelten. Auf Englisch.

Widmung

Für die Shoowa.

Ihre Stickerinnen erfinden immer neue Muster und geben ihr Können von einer Generation an die nächste weiter.

Diese Seite gilt ihrer Kunst und den Männern, die das Tuch dafür weben.